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Neubelebung von westlichen Vorbildern

Rockmusik wurde in Japan aus den Westen importiert. Die japanischen Rockmusiker nahmen Größen der amerikanischen und britischen Rockmusik zum Vorbild. Musiker wie The Beatles, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Rolling Stones oder Led Zeppelin übten einen enormen Einfluss auf die japanische Szene. Dieser Aneignungsprozess der westlichen Rockmusik wurde durch die Einführung von Psychedelic Rock in den Sechziger Jahren beschleunigt. Anders als ihre westlichen Kollegen hatten die japanischen Musiker von Psychedelic Rock nichts mit Drogen haben wollen. Die wichtigsten Vertreter der japanischen Psychedelic Rockmusik sind Bands wie The Tempters, The Mops, The Golden Cups. Die ersten Songs, die Psychedelic Rock in Japan einführten, waren Karappo No Sekai und Marianne von The Dynamites and Jacks.

Aus dem Geist der Emanzipation. Die wilden Jahre des J-Rock

In den Sechziger und Siebziger Jahre stand Rock in Japan für ein emanzipatorisches Lebensgefühl der jüngeren Generation. Die Jugend von Japan wollte sich von der alten, konservativen Welt der Tradition emanzipieren. Rockmusik wurde zum Ausdrucksvehikel eines Unbehagens an der damaligen Gesellschaft und spielte auch eine Rolle bei den großen studentischen Protestbewegungen, die damals überall in der Welt stattgefunden haben.
Die Siebziger Jahre waren in musikalischer Hinsicht eine sehr reiche Epoche für Rock Made in Japan. Die japanischen Siebziger verbindet man häufig mit dem Namen der Magic Power Makko, einer Folksrock-Songwriterin und mit Vertreter des Progressive Rock wie YB02 oder Bands After Dinner.

Die große Wende

Die Achtziger Jahre markieren eine Wende in der Rockszene Japans. Neue Richtungen entstehen und eine rasante Dynamik entwickelt sich. Japanoise, Gothik Rock (Bands wie Gara, Nubile, Phaidia) später Alternative Rock zeigen das Spektrum einer Szene, die immer größer und vielfältiger wird. Diese Entwicklungen ebnen den Weg für diejenige Richtung, die zum Kennzeichnen der japanischen Rockbewegung wird: Visual Kei (jap.: ヴィジュアル系 Aussprache vijuaru kei).

Visual Kei oder Rock als Gesamtkunstwerk

Bereits der Name (Visual: visuell, optisch auf Englisch und Kei: Stil, Clique oder Herkunft auf Japanisch) verrät die wichtige Rolle der Optik bei dieser Bewegung, die die japanische Rockszene in der ganzen Welt popular gemacht hat. Bei Visual Kei geht es nicht nur um die Musik, sondern um ein performatives Gesamtkunstwerk, wo Klang, Bild und Bewegung eine unzertrennbare Einheit bilden. Es geht um eine bewusst avantgardistische Konzeption, die auf das ständige Experimentieren basiert. Das Auftreten von Visual Kei-Bands ist sehr eklektizistisch.

Die Kunst der Exzentrik

Überdimensionale Frisuren, Vamp-Look, Emo-Look, Neomode, Kostüme aus der Fantasy Welt, Punk und New Wave, Glam Rock, Gothik, Stilelemente von Anime und Manga tragen zu einem sehr originellen Bühnenauftritt bei. Dazu kommt die Anspielung von trans- und homosexueller Erotik. Die Musiker von Visual Kei sind Meister in der Beschaffung eines unverwechselbaren Stils. Die können wirklich alles meisterhaft kombinieren, ohne auf eine störende Weise schräg oder übertrieben zu wirken. Nur eines zeigt sich sehr klar: wie tief die japanische Musik von der fremden und der eigenen Popkultur geprägt ist. Das mag aber wenig überraschen, wenn man bedenkt, dass das moderne Japan der Inbegriff einer modernen urbanen Kultur ist mit langer Tradition in der Popkultur. Das B-Movie Ungeheuer Godzilla stammt aus Japan. Die Musiker der Bewegung sehen wie aus einem anderen Planeten. Anmut und Befremdung werden eins. Im Vergleich zu ihnen wirkt Ziggie Stardust von David Bowie, der übrigens auch zu den Vorbildern der Bewegung gehört, ziemlich konventionell!

Die Freude am Experimentieren

Der experimentierfreudige Charakter von Visual Kei zeigt sich nicht nur in der Musik und in der Optik, sondern auch in der Songlyrik. Für Visual Kei ist die literarische Gattung von Haiku eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Haikus sind winzig kleine Gedichte mit hohem lyrischen Wert, die stimmungsvolle und meditative Bilder darstellen und meistens aus drei Wortgruppen bestehen. Die Visual Kei Bands betten sie dadurch in eine lange Tradition ein und erneuern sie auf eine frische und freche Weise. Dazu kommt noch die Collage-Technik mit Wortfetzen aus anderen Sprachen. Meistens wird auf Japanisch gesungen. Es gibt vergleichsweise nur wenige englischsprachige Bands, am bekanntesten sind Ellegarten.

Von der Liebe und anderen Dämonen

Bei den meisten Songs geht es um Themen, die die modernen Teenagers in Japan direkt ansprechen. Es geht um Androgynität, Romantik, Verzweiflung, Freiheit und Begehren, Zärtlichkeit und Härte wie in den Manga Comics, die ein Massenphänomen in den urbanen Metropolen des Landes sind. Die Musik hat eine expressive Dynamik, die auf der Dominanz des Sologitarrenspiels basiert. Die Musik wirkt sehr aufregend und hat ein schnelles Tempo mit reichen Abwechslungen.

Die Größen der Szene

Zu den bekanntesten Visual Kei Sängern und Bands gehören unter anderem Buck-Tick, Asian Kung-Fu Generation, COBRA, Dir en grey, Gackt, Girugämesh, Hyde, Polysics, Pierrot, The Blue Hearts, Shiina Ringo, Shonen Knife, The Back Horn, Kana, L’Arc-en-ciel, Metronome, Maximum The Hormone, Guitar Wolf, Yoshiki Hayashi, The High-Lows, The Tricepators and The Gazette.

Videobeispiel Visual Kei