© Fritz Schumann

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ポルノ- poruno

Drei Japaner kommen in die Bar, in der ich arbeite. Sagt der eine: »Oh, du bist aus Deutschland? Du hast bestimmt ein Riesending in der Hose.« Die direkte Feststellung überrascht mich und ich versuche, das Thema zu wechseln. Ich nehme ihre Bestellung auf und bringe ihnen drei Biere. Einer aus der Gruppe fragt nach: »Na komm, sag schon, sag! So groß wie das Glas hier oder mehr?«

Penisgrößen sind ein beliebtes Gesprächsthema. Über Sex sprechen die Geschlechter untereinander sehr offen (aber selten miteinander). In Japan wurden Sexualität und Nacktheit nie mit Sünde oder Scham gleichgesetzt, da sich die Shinto-Religion nicht wirklich dazu äußerte. Mehrere Jahrhunderte lang galt es als normal, dass Frauen und Männer zusammen nackt badeten. Und Sex galt als sinnlicher Akt der Glückseligkeit. Die Wende kam erst mit der Öffnung zum Westen. Es heißt, der Kaiser befürchtete, dass ein sexuell so offenes Land wie Japan verglichen mit dem christlichen Europa und Amerika »rückständig« wirkt. Pornografische Kunst, die über Jahrhunderte hinweg frei zu erhalten war, wurde verboten, die grafische Darstellung von Geschlechtsteilen untersagt. Erst nach dem Krieg änderte sich die Akzeptanz in der Gesellschaft.

Bis heute gelten zwar die Gesetze zur Pornografie aus dem Kaiserreich des 19. Jahrhunderts, aber trotzdem sind gezeichnete wie auch reale erotische Medien weiterhin beliebt. Die Werke unterliegen einer strengen Zensur der Macher. Verkauft werden darf nur, was geschwärzt oder verpixelt ist. So auch in hentai-Anime. Rund 10–15 % aller gezeichneten Videoproduktionen sind pornografisch. Sie laufen nicht im Fernsehen und können nur als Video gekauft werden. Das Besondere an diesen Filmen ist, dass es nie nur um die reine Darstellung sexueller Akte geht, sondern auch um die Handlungen. Sie haben sehr häufig mit Science-Fiction- oder Fantasy-Elementen zu tun und erlauben sexuelle Handlungen, die im echten Leben nicht möglich sind. Allgegenwärtig waren früher Tentakel, die Frauen an diversen Stellen stimulierten. Dies hatte den simplen Grund, dass Tentakel nicht der Zensur unterlagen.

Da die Definition von erotischen Inhalten und die Grenzwerte der Zensur äußerst schwammig sind, finden sich leicht erotische Inhalte auch in Anime und Manga-Produktionen. Oft richten sich diese an junge Männer und dienen dazu, die Verkaufszahlen zu erhöhen. Allerdings gelten selbst nackte Brüste oder unbekleidete Jungs in Kinderserien nicht als erotisch, sondern eher als natürlich und schamfrei.

Auch wenn Japaner, vor allem Männer, sich selten davor scheuen, Sex in vertrauten Gesprächen zu thematisieren, selbst ansprechen sollte man das Thema nicht unbedingt, wenn man sich nicht sicher sein kann, wie der andere reagiert. Trotzdem gilt: Über Politik und Religion wird am Tisch nicht gesprochen. Über Sex schon.


Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Japan 151: Ein Land zwischen Comic und Kaiserreich in 151 Momentaufnahmen“

Japan-151Autor: Fritz Schumann

Titel: Japan 151 – Ein Land zwischen Comic und Kaiserreich in 151 Momentaufnahmen

ISBN-Nr.: 978-3-943176-27-8

Verlag: CONBOOK Verlag